Dialogforum Ethik

Dieses Forum wurde im Jahr 2015 unter dem Vorsitz von Univ. Prof. DDr. Johann Figl gegründet. Ihm gehören die Vertreterinnen und Vertreter der Weltreligionen, Atheisten und Agnostiker sowie die Präsidentin der IWEO an.

Ziel des Gremiums ist die Beschäftigung mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen im Lichte der gemeinsamen ethischen Grundsätze, wie sie in der Erklärung zum Weltethos aufgelistet sind. Diese wurde jedoch 1993 abgefasst und kann nur als großer Leitfaden für die Lösung etlicher ethischer Probleme dienen, die seither aufgetaucht sind. Auf diese Weise soll das Weltethos weiter entwickelt werden.

Dem Forum gehören an: Univ. Prof. DDr. Johann Figl, Prof. Anas Schakfeh (Islam), Präs. Gerhard Weissgrab (Buddhismus), HR Dr. Heinz Anderwald (Judentum), Sr. Katharina Dr. Deifel (Christentum), Dr. Amrit Bhatia (Hinduismus), Otti und Alex Käfer (Bahai), Dr. Hermann Geyer und MMag. Wilfried Apfalter BA BA (Atheismus), Prof. Mag. Edith Riether (IWEO):

Die ersten Zusammenkünfte waren geprägt von der Debatte um die Grenzen der Satire. Während einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer meinten, die Freiheit der Kunst und damit auch der Satire sei grenzenlos; die einzelnen Religionsgemeinschaften müssten eben lernen, Kritik auszuhalten, entgegneten andere, dass man zwischen Kritik und Herabwürdigung unterscheiden müsse. Das Forum war sich einig: Kritik muss erlaubt sein, Herabwürdigung jedoch nicht. Die Vertreterin des Bahaitum ergänzte, dass Diffamierung auch eine Form von Gewaltanwendung darstellt.

Einig war sich das Forum, dass bei Verletzung der Grenzen der Satire keine Selbstjustiz geübt werden dürfe, da es in freien, demokratischen Staaten Gesetze gibt, die eine Verletzung der religiösen Gefühle ahnden. Jeder, der sich verletzt fühlt, kann diese Gesetze in Anspruch nehmen. Ansonsten kommt es zu einem Religionskrieg, den letztlich keiner will.

Eine ganze Religion, deren heilige Schriften und verehrten Stifter von außen zu kritisieren, ist zwar legitim, aber kontraproduktiv. Das können nur die eigenen Anhängerinnen und Anhänger. Anders verhält es sich, wenn einzelne Vertreterinnen und Vertreter der Religionen und Weltanschauungen kritisiert, karikiert und persifliert werden, insbesondere wenn sie dadurch der Gesellschaft als ganzer durch ihr Verhalten Schaden zufügen.

Resumée: Kritik und Satire sind zulässig, wenn sie nicht den Grundsätzen der Gerechtigkeit, Fairness und gegenseitigen Achtung widersprechen.

 

Die Flüchtlingsfrage im Lichte des Weltethos

Da bei Abfassung der Erklärung zum Weltethos 1993 nicht alle in Zukunft zu erwartenden Probleme einbezogen werden konnten, lassen sich diese doch bei einigem guten Willen durchaus in die Prinzipien der Erklärung einordnen.

Die Teilnehmer am Dialogforum Ethik sind sich zunächst einig, dass die dramatischen Ereignisse, welche die Welt heimsuchen, als Symptome für die fehlende Einheit der Menschheit gesehen werden können. In der Flüchtlingsfrage muss in erster Linie das Humanitätsprinzip – Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden – zur Anwendung kommen. Dazu heißt es in der Erklärung: „Jeder Mensch – ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft – besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde. Alle, der einzelne wie der Staat, sind deshalb verpflichtet, diese Würde zu achten und ihnen wirksamen Schutz zu garantieren.“

Die Goldene Regel (Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu, oder positiv: Behandle die anderen so, wie du selbst behandelt werden willst), die in nahezu allen religiösen und philosophisch-ethischen Traditionen vorhanden ist, gilt auch für die Flüchtlings- und Immigrantenpolitik. Die Goldene Regel richtet sich aber auch an die Flüchtlinge selbst, die zwar in einer Ausnahmesituation leben, jedoch ihre Lage dramatisch verschlechtern, wenn sie sich gewalttätig und rücksichtslos verhalten.

Hab „Ehrfurcht vor dem Leben“ bedeutet auch, Gewalt darf niemals ein Mittel der Auseinandersetzung sein. In der Erklärung heißt es dazu: „Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen physisch oder psychisch zu quälen, zu verletzen, gar zu töten.“ Dieses Prinzip müsste unter allen Umständen für den Umgang mit Asylsuchenden gelten. Es richtet sich aber auch an alle Menschen und Organisationen, die Hass und Ablehnung im Umgang mit Immigranten schüren und Vorurteile sowie Ängste steigern statt abzubauen.

Die Befolgung der zweiten Weisung, „Handle gerecht und fair“, wäre schon vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, notwendig gewesen, da die reichen Länder wussten, dass in weiten Teilen der Welt Hunger, bitterste Armut und Not herrschen. Die Erklärung sagt dazu: „Wo äußerste Armut herrscht, da machen sich Hilflosigkeit und Verzweiflung breit, da wird um des Überlebens willen auch immer wieder gestohlen werden. Wo Macht und Reichtum rücksichtslos angehäuft werden, da werden bei den Benachteiligten und Marginalisierten unvermeidlich Gefühle des Neides, des Ressentiments, ja des tödlichen Hasses und der Rebellion geweckt.“ Heute muss man hinzufügen, dass diese Menschen den Ausweg auch in der Flucht suchen. Die Erklärung appelliert daher an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die Strukturen der Weltwirtschaft gerechter zu gestalten. „Individuelle Wohltätigkeit und einzelne Hilfsprojekte, so unverzichtbar sie sind, reichen nicht aus. Es braucht die Autorität internationaler Organisationen, um zu einem gerechten Ausgleich zu kommen.“ Gemeint ist eine Umstellung der gesamten Entwicklungshilfepolitik. Darauf stützt sich Prof. Radermacher, der mit dem Global Marshall Plan einen Ausweg zeigt, der leider nur zögerlich von den Verantwortlichen akzeptiert wird, obwohl er wahrscheinlich die beste Lösung wäre.

Die dritte Weisung, „Rede und handle wahrhaftig“ hat ebenfalls mit der Flüchtlingsfrage zu tun, denn in der Erklärung heißt es: „Statt in Unehrlichkeit, Verstellung und opportunistischer Anpassung zu leben,“ heißt wahrhaft Mensch sein, „den Geist der Wahrhaftigkeit auch in den alltäglichen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch zu pflegen“. Es geht bei der „wahrhaften Rede“ um die zwei konträren Positionen: Totale Abschottung oder grenzenlose Aufnahmebereitschaft. Auf der einen Seite ist die Abgrenzung nicht nur unethisch sondern auch keine Lösung der Probleme. Auf der anderen Seite muss die Machbarkeit und praktische Durchführung bedacht werden. In beiden Fällen geht es um das Aufgeben veralteter Verhaltensmuster und eine von Solidarität, Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Menschlichkeit getragene Lebensart.

Den Medien kommt dabei die wichtige Aufgabe zu, wahrheitsgetreue, weder beschönigende noch aufhetzende Informationen zu liefern. Auf lange Sicht wäre daher eine flächendeckende Erziehung zum Weltbürgertum die notwendige Voraussetzung.

In der vierten Weisung – „Achtet und liebet einander“ – geht es um Partnerschaftlichkeit im weitesten Sinn, denn „es gibt keine wahre Menschlichkeit ohne partnerschaftliches Zusammenleben“. Achtung und Liebe müssen die Grundlage jeder Beziehung sein, auch jener zwischen Flüchtlingen und Aufnahmeländern. Die Teilnehmer am Dialogforum gehen davon aus, dass Flüchtlinge und Asylsuchende nicht wie Almosenempfänger sondern als Partner betrachtet werden müssen. Jeder Einwohner und jede Einwohnerin der Aufnahmeländer ist aufgerufen, in irgendeiner Weise mitzuhelfen, dass sämtliche Flüchtlinge und Asylsuchende Sprachunterricht erhalten, eine Berufsausbildung und Arbeit bekommen und insbesondere auf die allen gemeinsamen ethischen Prinzipien hingewiesen werden, damit ihre Würde wieder hergestellt ist.

 

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