Der interreligiöse Dialog im Klassenzimmer aus der Perspektive der Weltethosbewegung

Der interreligiöse Dialog im Klassenzimmer aus der Perspektive der Weltethosbewegung

(Newsletter 2008-1)
(Zusammenfassung eines Vortrags in Schlaining am 16.10.08)

1. Die Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs

Verschiedene geistesgeschichtliche Strömungen der Neuzeit problematisier(t)en in Europa den christlichen Glauben, der im Mittelalter „die“ europäische Weltanschauung darstellte: Die wichtigsten glaubenshemmenden Strömungen der Neu¬zeit – wie Säkularisierung, Aufklärung, Verwissenschaftlichung / Vertechnisierung / Verwirtschaftlichung und der daraus resultierende Pluralismus – waren in ihrem ersten Schritt berechtigt, im zweiten überzogen. In einer pluralistischen Gesellschaft ist ein friedliches Zusammenleben nur aufgrund von Dialogbereitschaft möglich: Wird das Wort „Dia-log“ ernst genommen, weist es darauf hin, dass eine echte Interaktion nur auf der gemeinsamen Vernunftbasis (Logos=Vernunft, für den gläubigen Menschen die göttliche Vernunft) erfolgen kann.In einer pluralistischen Gesellschaft ist zwar Dialogbereitschaft und Toleranz gegenüber den Vertretern anderer Religionen und Weltanschauungen unerlässlich – doch wie weit sollen diese gehen? Gibt es hier ein verbindliches Richtmaß?

2. Recht und Moral (Praxis), Ethik (Reflexion der Praxis)

Diese Frage hat sich in früheren Zeiten nicht gestellt, da die Menschen in einem bestimmten Gebiet Anhänger einer bestimmten Religion waren und von dieser ziemlich unhinterfragt ihre Wertmaßstäbe bezogen. KANT hat in einer fast prophetisch anmutenden Weise vorhergesehen, dass gemeinsame religiöse Werte schwinden werden, dass aber ein gewisser allgemein verbindlicher Wertkonsens, eine allgemeinverbindliche Moral, für menschliches Zusammenleben unerlässlich ist. Dieser Maßstab darf dann eben nicht aus einer Religion gewonnen werden, sondern muss auf Vernunftprinzipien aufruhen.Diese Vernunftbasis fordert die Einhaltung der Rechtsebene („Meine Freiheitsäußerungen enden dort, wo die des anderen beginnen“) und, weil Recht nicht lückenlos sanktionsfähig ist, die Einhaltung der moralischen Ebene (Goldene Regel: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“, Mt 7,12; Kategorischer Imperativ KANTs)? Unsere Toleranz darf nur so weit gehen, als ein friedliches Zusammenleben der Menschen verschiedener Weltanschauungen nicht gestört ist. Die ethische Grundforderung der „Goldenen Regel“ (Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos, Stiftung Weltethos, Tübingen 2000, 18 f.) findet sich aber auch in den anderen Weltreligionen. Sie ist daher eine gemeinsame Basis, sodass die Behauptung der Weltethosbewegung verständlich wird, dass Weltfriede ohne Weltethos unmöglich ist.

3. Die Notwendigkeit eines Weltethos

Die Frage nach einem „Weltethos“ geht zurück auf die Programmschrift „Projekt Weltethos“, die Professor Hans KÜNG 1990 vorgelegt hat. Das „Projekt Weltethos“ wird von der Grundüberzeugung getragen:Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen.Diese Programmschrift fand ihr erstes großes Resultat in der „Erklärung zum Weltethos“, die das Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago verabschiedete und für deren Entwurf Hans KÜNG federführend war. Die „Stiftung Weltethos“ verdankt ihre Gründung Graf K. K. von der GROEBEN.Homepage:www.weltethos.at, Kontakt: initiative@weltethos.atDie Initiative Weltethos Österreich (IWO) wurde 2005 in Wien von Frau Mag. Edith RIETHER als unabhängiger gemeinnütziger Verein gegründet. Prof.. Dr. Anton PELINKA ist Präsident, Mag. RIETHER Generalsekretärin. Die Initiative Weltethos Österreich hat es sich zum Ziel gesetzt, das »Projekt Weltethos« in Österreich bekannt zu machen, d. h. eine ethische Bewusstseinsbildung und Durchdringung aller Lebensbereiche mit den großen ethischen Prinzipien der »Erklärung zum Weltethos«.http://www.weltethos.org/weltethos-austria.htm

4. Die Schule als möglicher Bereich der Konkretisierung

Die Schule ist ein Teilsystem des Gesamtsystems Gesellschaft und der Ort der Interaktionen von Schülern, Lehrern, Eltern, Schulbehörde. Die ohnedies schwierige Interaktion wird durch den heutigen kulturellen, sozialen, religiösen, weltanschaulichen, …. Pluralismus erschwert, doch auch bereichert. Damit eine dia-log-ische Interaktion möglich wird, ist einerseits eine zunehmende Demokratisierung der Schule notwendig, andererseits die Überführung des Schulversuchs Ethikunterricht in den Regelunterricht, und zwar als verpflichtende Alternative für alle, die keinen Religionsunterricht besuchen. „Wir sind das einzige EU-Land ohne Ethikunterricht!“ (Mag. RIETHER,“Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.10.2007)

Sr. Katharina OP(Mag.theol Dr.phil. Elisabeth DEIFEL)

„Im Projekt Weltethos werden moralische Werte ins Licht gesetzt, in denen die großen Religionen der Welt bei allen Unterschieden übereinstimmen und die sich von ihrer überzeugenden Sinnhaftigkeit her auch der säkularen Vernunft als gültige Maßstäbe zeigen können.“

(Papst Benedikt XVI. am 24. September 2005)

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