Jüdische Ethik – eine Spurensuche

Jüdische Ethik – eine Spurensuche

(Newsletter 2014-02)

Was kann das Judentum zum Weltethos beitragen?

Auch wenn Religionen einander bei Entstehung und Ausformung beeinflusst haben, auch wenn Elemente der einen Religion in der anderen Religion manchmal unglücklich neu interpretiert wurden, so sind Religionen in sich geschlossene Systeme. Problemlos könnte man in den Schriften des Judentums – von den 10 Geboten bis zu Friedensappellen zeitgenössischer israelischer Politiker – ethisches Gedankengut finden, das zu einem gemeinsamen Weltethos passt. Der Kern der jüdischen Ethik lässt sich anhand einiger klassischer Zitate aufzeigen:„Lev 19, 17-18: Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Stammesgenossen zurecht, so wirst du seinetwegen keine Schuld auf dich laden. An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“

 

Es geht hier eben nicht um abgehobene Definitionen, sondern um den Alltag und gute Taten – wie gehe ich mit meinem Nächsten um. Das Ideal eines jüdischen Menschen ist der Zadik, der Gerechte. Eine der schönsten Formulierungen zur Ethik findet sich bereits im Jerusalemer Talmud, Traktat Chagiga II, wo über die zwei Wege der Tora gesprochen wird. Es ist eine zeitlose Mahnung:„Auf dem einen Wege ist Feuer, auf dem andern Schnee; wer dem Feuer zu nahe kommt, wird von ihm verzehrt, wer in den Schnee zu weit eindringt, erfriert und stirbt darin. Was ist zu tun? Man muss in der Mitte wandern.“

Maurice Wolff deutet den Vers so: Man soll sich „im religiösen Leben vor der Glut des Fanatismus sowohl, wie vor der eisigen Kälte des Verstandes hüten, sondern mit warmer Hingebung und ruhigem klaren Denken die Religionswahrheiten umfassen.“

Gerade hier zeigt sich die Brücke zum Weltethos, dem oft fälschlich vorgeworfen wird, eine bloß biblische Erfindung zu sein. Die Nächstenliebe, am pointiertesten formuliert in Lev 19,18 und Mt 7,12, findet sich in allen Hochreligionen und humanitären Weltanschauungen, weil sie die unabdingbare Basis friedlichen menschlichen Zusammenlebens ist. Diese Basis ist ein Geschenk des Judentums nicht nur an die eigenen Glaubensbrüder, sondern an die ganze Menschheit.

(Klaus S. Davidowicz)

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